Geschichte der Industrietechnik 1945 bis 1964: Wiederaufbau und Wirtschaftswunderzeit
Als endlich wieder Frieden herrschte, zogen zunächst neue Nutzer ein. In der Werkstatt der Materialprüfstelle beschlug ein Schmied die Hufe der Pferde einer Einheit der sowjetischen Streitkräfte. Die Soldaten zogen rasch wieder ab und so konnten die ersten Untersuchungen noch im Sommer 1945 wieder aufgenommen werden.
Insgesamt hatten sich die Schäden in Grenzen gehalten: Trotz einiger Zerstörungen durch Fliegerbomben blieben die Labore funktionstüchtig. Nur der Museumstrakt war beschädigt und die Fotowerkstatt hatte gelitten, weil in den Tagen nach Kriegsende Unbekannte eingebrochen waren und die Ausstattung gestohlen hatten.
Für die Materialprüfstelle änderte sich nun Vieles:
- Weil unklar war, ob die Militärregierungen die als Machtinstrumente des NS-Regimes betrachteten Großunternehmen aufgliedern oder verstaatlichen würden, beschloss die Allianz, den Mariendorfer Unternehmensteil auszugliedern. Der spätere Leiter der Maschinenabteilung und ein externer Kaufmann gründeten schließlich die „Werkstoff-Untersuchung Dr. E. Pohl und L. Mundt GmbH“ und übernahmen die Materialprüfstelle von der Allianz in Pacht.
- In den ersten Nachkriegsjahren erteilten Externe wie etwa ausgebombte Privatfirmen,die Militäradministration und der TÜV eine Vielzahl von Aufträgen.
Die durchgeführten Untersuchungen spiegelten die historischen Ereignisse dieser bewegten Zeit: Die Auftraggeber ließen Trümmermaterial aus den Ruinen zerstörter Fabriken und Häuser oder demontierte Anlagen, die zum Abtransport in die Sowjetunion vorgesehen waren, untersuchen. Während der Berlin-Blockade führte der TÜV eine Vielzahl von Prüfarbeiten für den Ausbau des Westberliner „Kraftwerk West“ durch, dessen Bauteile größtenteils über die Luftbrücke eingeflogen werden mussten.
Nach der Währungsreform stabilisierte sich auch die Situation der Werkstoff-Untersuchung wieder: Zwar war die wirtschaftliche Lage weiterhin wegen Ressourcenmangels und der Schäden an Produktionsanlagen prekär, doch ebendies verlieh den klassischen Aufgaben der Schadenuntersuchung und Schadenverhütung besondere Wichtigkeit.
Eine wachsende Anzahl von Mitarbeitern deckte bald mit ihren Forschungsarbeiten wieder die gesamte Vielfalt der Technik ab. Ihre Schwerpunkte lagen zum einen in der Kraftwerkstechnik, insbesondere bei der Analyse von Turbinen und Dampferzeugern, und zum anderen bei der Klärung von Korrosionsproblemen an Kondensator- und Kühlerrohren, Dampfkesseln und Turbinen.
Seit 1949 erschien im Wiesbadener Verlag der Allianz Versicherungs-AG wieder die Zeitschrift „Der Maschinenschaden“. Wenig später richtete der verantwortliche Redakteur Gisbert Baurdie Rubrik „Aus der Materialprüfstelle“ (ab 1953 „Aus der Schadenforschung“) ein und bot den Schadenforschern eine neue Plattform zur Veröffentlichung ihrer Arbeiten.
1952 lud die Allianz die Kunden der Maschinenversicherung, die Leiter von Industrieunternehmen sowie Ingenieure, Hochschullehrer und Behördenvertreter zur 3. Betriebsleitertagung ins Deutsche Museum nach München. Hier zog der Generaldirektor der Allianz Hans Goudefroy eine erste Bilanz der Wirksamkeit der Materialprüfstelle. Er erklärte: „177.000 von uns im Laufe der Jahre bezahlte Schäden lieferten hervorragendes Material zur Erforschung von Schadenursachen. Die Erkenntnisse, die wir durch dieTätigkeit der Materialprüfstelle erwerben konnten, haben wir nicht als Betriebsgeheimnisse gehütet. … In unserem Publikationsorgan ‚DerMaschinenschaden’, von dem bisher 3,5 Mio. Exemplare erschienen sind, veröffentlichen wir deshalb auch deren Untersuchungsergebnisse. Neben dieser allgemeinen Information hat die Materialprüfstelle während der 20 Jahre ihres Bestehens nahezu 5.000 Prüfberichte erstattet und unser Ingenieurbüro 5.500 Turbinenrevisionen durchgeführt.“
In der Folgezeit veröffentlichte Ernst Pohl in einer Reihe von Büchern eine Summe der Ergebnisse der Forschung in der Werkstoff-Untersuchung und der praktischen Erfahrungen des Ingenieurbüros der Allianz.
Als die Materialprüfstelle 1957 ihr 25jähriges Jubiläum feierte, durchlebte die deutsche Industrie die stürmischste Wachstumsphase des 20. Jahrhunderts. Zwei Ereignisse dieses Jahres läuteten zudem Umwälzungen ein, die die globale wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig verändern sollten.
- Nahe dem englischen Dorf Sellafield ging das erste kommerziell genutzte Atomkraftwerk Calder Hall ans Netz.
- Der erfolgreiche Start einer sowjetischen Raumsonde löste den so genannten Sputnik-Schock aus und veranlasste die USA zu einer bis dahin einzigartigen Offensive in der Bildungs- und Forschungspolitik. Ergebnisse davon sollten u.a. das Raumfahrtprogrammder NASA und der Aufbau des Internets werden.
Die Allianz musste sich auf die Expansion des Industriegeschäfts einstellen. In Deutschland trieben der Maschinen- und Automobilbau, die Elektrotechnik und die chemische Industrie das Wachstum an. Die technischen Versicherungssparten reagierten auf die boomende Nachfrage, indem sie Ingenieure anwarben. Die Materialprüfstelle jedoch drohte an den neuen Anforderungen zu scheitern.
Die Personalausstattung und die begrenzten Raumkapazitäten in Berlin, aber auch die Distanz zum Sitz der Hauptverwaltung der Allianz in München erwiesen sich immer mehr als Hemmschuh. Der Austausch von Informationen und die Anbindung an die Zentrale und den aktuellen Geschäftsbetrieb waren durch dieTrennung erheblich erschwert worden. 1956 ließ die Materialprüfstelle im Korridor der neuen Gebäude der Generaldirektion am Englischen Garten quasi als „Vorposten“ eine kleine Dependance der Berliner Lehrschau aufbauen. Vier Jahre später schließlich fiel der Entschluss, den Standort Mariendorf aufzugeben und in die Umgebung Münchens umzuziehen.