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Jugendliche im gefährlichen Rennspiel-Rausch
77 Prozent haben sie schon gespielt, ein Drittel sitzt sogar täglich davor: Das hat eine Umfrage des Allianz Zentrums für Technik unter Jugendlichen zu den populären sogenannten Video-Rennspielen ergeben. Das Institut kritisiert vor allem die niedrige Altersfreigabe der meisten dieser Spiele.
Allianz Versicherungs-AG
München, 4. August 2005
München, 4. August 2005
Ein kleiner Junge rast mit 200 Sachen in seinem aufgemotzten Sportwagen mitten durch die Stadt: Reifen quietschen, Karosserien krachen ineinander - der virtuelle Crash am Computer ist perfekt und der junge Raser erreicht die Höchstpunktzahl. Auf Verkehrsregeln wird dabei gepfiffen. So oder ähnlich läuft das jeden Tag, wenn Minderjährige vor dem PC oder der Spielkonsole Video-Rennspiele konsumieren.
Jörg Kubitzki, Verkehrssicherheitsforscher am Allianz Zentrum für Technik (AZT), hat in seiner Studie "Zur Problematik von Video-Rennspielen" herausgefunden, dass drei Viertel der "Rennspielespieler unter den Kids" auch schon Straßenrennspiele wie "Grand Theft Auto", "Need for Speed" oder "Burn out" auf dem Computer oder an einer Game-Konsole gespielt haben. Insgesamt fährt jeder Dritte darauf sogar täglich ab.
"Das Einstiegsalter liegt durchschnittlich bei zehn Jahren, in Einzelfällen aber schon bei fünf," sagt der AZT-Forscher. Die Spiele seien trotz ihres eigentlich geringen Marktanteils extrem populär beim Nachwuchs: Die Straßenrennspiele simulieren das verkehrsregelverletzende Fahren mit virtuellen Autos nicht auf einer abgesperrten Rennstrecke, sondern mitten in der Stadt. Fußgänger und andere Verkehrsteilnehmer werden zum Freiwild: Punkte erhalten Spieler, wenn sie möglichst schnell fahren, Verkehrsregeln ignorieren, wilde Crashs bauen und teilweise sogar Passanten umfahren.
Psychologe Kubitzki hat 657 männliche Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren in ganz Bayern repräsentativ befragen lassen. Studenten befragten die Jugendlichen auf der Straße u. a. zur Verfügbarkeit von Spielesoftware, dem Rennspiele-Konsum, illegalem Autofahren, tatsächlichen illegalen Rennen und Unfällen.
Problematisch sei, so Kubitzki, dass Jugendliche in den "Streetracing-Games" zu wettbewerblichem Autofahren angeleitet würden. Die Jugendlichen hätten vor allen Dingen Spaß am Geschwindigkeitsrausch, Wettrennen und spektakulären Crashs - das sind laut Umfrage die Hauptspielmotive der Halbwüchsigen. Dabei würden die Regeln des Straßenverkehrs systematisch missachtet und so ein Verhaltensmuster herausgeprägt, das bei späteren Fahranfängern möglicherweise zu vermehrten Unfällen führen könne.

AZT arbeitet mit Münchner Uni zusammen
"Den direkten Zusammenhang zwischen Spielkonsum und vermehrten Unfällen im Straßenverkehr bei älteren Spiele-Fans haben wir in der Pilot-Studie noch nicht nachweisen können," sagt Kubitzki, der bereits seit 18 Jahren in der Verkehrsforschung tätig ist. Einen Zusammenhang zwischen der Intensität des Spielens und dem Fahrverhalten gibt es aber schon: "Jugendliche, die mehr Rennspiele konsumiert haben, waren auch eher schon vor Führerscheinerwerb mit einem Auto im Straßenverkehr gefahren, das haben die Befragten zugegeben", so Kubitzki.
An einer weiteren Studie über den Zusammenhang von Spielekonsum und vermehrten Unfällen bei jungen Erwachsenen im Straßenverkehr arbeitet im Auftrag des AZT bereits Peter Fischer vom Lehrstuhl Sozialpsychologie der Ludwig-Maximilian-Universität München (LMU). Sie wird voraussichtlich Ende dieses Jahres veröffentlicht. Der Lehrstuhl von Professor Dieter Frey erforscht schwerpunktmäßig Gewalt in den Medien und hat dabei festgestellt, dass Spiele, in denen Risiken dargestellt werden, auch die Risikobereitschaft der Spieler im realen Leben erhöhen.
AZT-Wissenschaftler Kubitzki, der schon für den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) illegale Rennen und Autotuner untersucht hat, sieht bei der schädlichen Wirkung der Straßenrennspiele auf Jugendliche Parallelen zu den "Baller- oder Shooterspielen", die schon besser erforscht sind: Diese verführen Jugendliche zu einem enthemmten Verhalten und Brutalität. Sie lernen, gesellschaftliche Normen abzulehnen.
Was der Wissenschaftler zu bedenken gibt ist, dass die "Raserspiele" im Gegensatz zu Pornographie und Alkoholmissbrauch von der Gesellschaft und speziell von den Eltern der Spieler durchaus toleriert würden. Es gebe sogar Eltern, die diese Spiele selber konsumierten und damit ein schlechtes Beispiel für ihren Nachwuchs abgäben. Dadurch würden sie auch die vorhandene Unfallverherrlichung verharmlosen.
Folgen für das Verhalten im Straßenverkehr
In der Befragung gaben zwölf Prozent der minderjährigen Jugendlichen an, bereits gut Auto zu fahren. Erschreckende 17,5 Prozent sagten, schon mal - ohne einen Führerschein zu besitzen - mit dem Auto im Straßenverkehr unterwegs gewesen zu sein. Und 4,6 Prozent brüsteten sich sogar, an illegalen Rennen teilgenommen zu haben. Die Folgen für den Straßenverkehr: 10,4 Prozent aller Pkw-Unfälle mit Personenschaden, bei denen der Fahrer nicht im Besitz einer Fahrerlaubnis war, wurden 2003 in Deutschland durch minderjährige Fahrer verursacht. Dabei wurden 856 Menschen verletzt und 26 getötet.
Dieses Fehlverhalten ist auch für die Versicherer bedeutend, weil jedes Jahr besonders junge Fahranfänger überproportional viele Kfz-Schäden verursachen. Die dadurch anfallenden zusätzlichen Kosten tragen letztlich die Versicherungskunden mit höheren Beiträgen.
AZT fordert Spiel-Freigabe erst ab 16
Deshalb macht das AZT auf die Gefahren der streetracing-Games aufmerksam. Ziel ist es, zu verhindern, dass sich durch die Spiele eine allgemein akzeptierte Crashkultur in Deutschland entwickelt. Das AZT weist Eltern auf die gesteigerte Risikobereitschaft Ihrer Sprösslinge im Straßenverkehr hin, wenn sie schon im Kindergartenalter regelmäßig Video-Rennspiele konsumieren.
Als Konsequenz fordert das AZT gemeinsam mit der Deutschen Verkehrswacht von der seit 2003 zuständigen Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK), dass sie die Verkaufsfreigabe für streetracing-Games freiwillig von jetzt sechs bzw. zwölf Jahren auf 16 Jahre hoch setzt. Zudem rät es den Eltern, Computerspiele zu kaufen, die auf der Liste der wünschenswerten Spiele für Jugendliche der "Initiative gegen Gewalt in Computerspielen" des Bayerischen Familienministeriums zu finden sind. Die klare Botschaft lautet dort: "Kauft euren Kindern keine 'streetracing-Games'!" Auch eine differenziertere Verkehrserziehung erachtet das AZT als notwendig.
Kubitzkis Fazit: "Die streetracing-Games konterkarieren jegliche Verkehrssicherheitsarbeit. Hier staubt der Verkehrschaot die Höchstpunktzahl ab. Deshalb sind sie kein Kinderspielzeug."